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Mittwoch, November 07, 2007
» Sie, Frau Bundeskanzlerin, brechen mit dieser infamen und infantilen Äquidistanz
By Dialog at 11:31 AM
Bundeskanzlerin Angela Merkel ist dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrates ausgezeichnet worden. Warum Angela Merkel eine würdige Preisträgerin ist, hat Wolf Biermann in seiner Laudatio klargestellt:
Liebe Angela Merkel,
verehrte Bundeskanzlerin und gelernte Physikerin, soll heißen:
gestandene Christin, promovierte FDJlerin und gut geratenes Kind der DDR
? und unterdes machen Sie auch noch eine Karriere als Kämpferin in dem,
was Heinrich Heine in seinem Gedicht "Enfant Perdu" den ewigen
Freiheitskrieg der Menschheit nannte ? mich freut, dass grade Sie mit
dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet werden. Dieser Preis schmückt Sie,
denn er schmückt sich mit dem Namen des vielleicht deutschesten aller
Rabbiner und gilt als die höchste Ehrung, die der Zentralrat der Juden
in unserem Land zu vergeben hat. Ihnen die obligate Lobrede zu liefern,
ist mir eine peinliche, soll heißen: schmerzhafte Ehre ? ja, Ehre sage
ich und gebrauche dieses heikle Wort ohne ironisches Augenzwinkern ?
etwa zur Besänftigung für mein links-alter-na-ives Klientel. Und
schmerzhaft, denn ich bin ein geborener Linker, Sie sind eine geborene
Rechte, Sie Christin, ich Atheist. Wir passen schön schlecht zusammen,
und das macht die Konstellation interessant.
Weder Sie noch ich, kein Ei kann sich das Nest aussuchen, in dem es
ausgebrütet wird. Sie sind die Tochter eines evangelischen Pfarrers, der
in der DDR-Diktatur dem Kaiser gab, was des Kaisers ist. Aber wenn er
Ihnen einen tiefen Glauben an den Christen-Gott eingepflanzt hat, dann
ist seine Tochter Angela dem Gott der Juden noch näher als ich Sohn
eines gottlosen Juden.
Hier, unter uns, in der paradoxen Intimität der Öffentlichkeit, lassen Sie mich in meiner Lobrede ungeniert Tacheles reden. Ich bin als Laudator heute eigentlich im Wortsinn gar kein Lobredner, sondern fast schon ein Bittsteller, bin für die lebenden und die toten Juden der Überbringer und Dolmetzsch einer Petition.
Als einzigen Juden unter den bisherigen Leo-Baeck-Preisträgern entdeckte ich den Schriftsteller Ralph Giordano, meinen versöhnungssüchtigen, aber dennoch streitbaren Freund, der grade in Köln gegen den Bau einer riesigen Moschee anreitet, wie einst Don Quichotte von La Mancha gegen eine Windmühle, die er für einen Riesen hielt. Wenn ich mir die lange Liste der Preisträger anschaue, dann lese ich fast ausschließlich die Namen von höchst einflussreichen Politikern in Deutschland.
Hier, unter uns, in der paradoxen Intimität der Öffentlichkeit, lassen Sie mich in meiner Lobrede ungeniert Tacheles reden. Ich bin als Laudator heute eigentlich im Wortsinn gar kein Lobredner, sondern fast schon ein Bittsteller, bin für die lebenden und die toten Juden der Überbringer und Dolmetzsch einer Petition.
Als einzigen Juden unter den bisherigen Leo-Baeck-Preisträgern entdeckte ich den Schriftsteller Ralph Giordano, meinen versöhnungssüchtigen, aber dennoch streitbaren Freund, der grade in Köln gegen den Bau einer riesigen Moschee anreitet, wie einst Don Quichotte von La Mancha gegen eine Windmühle, die er für einen Riesen hielt. Wenn ich mir die lange Liste der Preisträger anschaue, dann lese ich fast ausschließlich die Namen von höchst einflussreichen Politikern in Deutschland.
Ich hoffe, Sie sehen mir das offene Wort nach: Mir kommt auch Ihre
Auszeichnung heute mit dem Leo-Baeck-Preis vor wie eine Bitte um
Beistand, ein Appell an Menschen in Deutschland, die Einfluss haben auf
die Politik der Bundesrepublik gegenüber den Juden im eigenen Lande und
gegenüber dem Staat der Juden im Nahen Osten. Der Leo-Baeck-Preis
scheint also eine Auszeichnung zu sein, speziell gedacht für Deutsche,
die man bei den Ostjuden ?a mensch" nennt, und "a mensch", das heißt,
wenn man es aus der jiddischen Sprache ins Deutsche übersetzt, nicht
etwa "ein Mensch", sondern bedeutet immer genau dies: "Ein guter Mensch".
Sie jedenfalls müssen weder ermahnt noch genötigt werden. Ihre Reden zum
Nahostkonflikt, verehrte Bundeskanzlerin, hören sich in meinem Ohr nicht
so sophisticated an wie die Ihres Vorgängers im Amte. Sie bewegen sich
in bester Luther-Tradition. "Eure Rede aber sei: 'Ja, ja; nein, nein.'"
Heilfroh war ich, als ich in diesen Tagen Ihr großes Interview in der
Springer-Zeitung DIE WELT las. Ich habe mir die Stelle ausgeschnitten
und in mein Arbeitsbuch geklebt wie einen babylonischen Talisman. Sie
wurden da zitiert mit einem Statement zum Konflikt mit dem Iran. Nun
habe ich es von der Bundeskanzlerin also schwarz auf weiß in meiner
Kladde:
"Wir können die Augen vor einer Gefährdung nicht verschließen. Ich trete
mit Nachdruck dafür ein, dass wir das Problem auf dem Verhandlungsweg
lösen, aber dazu müssen wir auch bereit sein, weitere Sanktionen zu
verhängen, wenn der Iran nicht einlenkt. Er bedroht die Sicherheit
Israels, die für mich als deutsche Kanzlerin niemals verhandelbar ist.
Er bedroht die Region, Europa und die Welt. Das müssen wir verhindern."
Und neben diesen Zeitungsschnipsel notierte ich mir: "Im Grunde alles
Selbstverständlichkeiten, die aber leider gar nicht selbstverständlich
sind." Die deutschen Exportinteressen auf dem arabischen Weltmarkt
stehen auf dem Spiel! Die Abhängigkeit vom islamischen Öl lehrt uns das
Fürchten! Und gleichzeitig fliegt der kleine Zar Wladimir Putin vom
"date" mit der deutschen Bundeskanzlerin direkt von Berlin nach Teheran
zu seinem Freund, dem kleinen Hitler A. (Ahmadinedschad), und verbündet
sich demonstrativ mit diesem fanatischen Todfeind der Juden.
Unter uns: Ich halte Russlands Stabilisator Putin aus deutscher Sicht
für höchst instabil, denn Gasmann Schröders lupenreiner Demokrat kopiert
mit solch einer Liaison dangereuse seinen blutigen Vorgänger Stalin, als
der sich mit Adolf Hitler 1939 ins Bett legte. Putin vereinbarte grade
jetzt ungeniert weitere technische Hilfe und Lieferungen fürs iranische
Atomprogramm und verspricht den Mullahs obendrein modernere Raketen, mit
denen die Atomsprengköpfe, die der Iran bald haben wird, auch weit genug
nach Israel und noch weiter nach Europa transportiert werden können. Und
in der Uno sichert der gelernte Geheimdienstler das Milliardengeschäft
ab durch sein Veto im Sicherheitsrat: eine perverse Form der
Globalisierung. So absurd passieren die Tragödien der Weltgeschichte:
Die blinden Helden führen ihr Schicksal herbei, indem sie es abzuwenden
trachten.
Aber der grausame Gott des Zufalls wütet im Geschichtsprozess auch
manchmal so verrückt, dass manches sich zum Guten wendet.
Sie, Angela Merkel, kommen mir vor wie solch ein gelungenes
Zufallsprodukt der Weltgeschichte. Was 'ne wunderbar verdrehte Welt:
Ausgerechnet das Menschenkind Angela aus dem Pfarrhaus, das prima
Russisch gelernt hat in der DDR, wo kein normaler Schüler Russisch
lernen wollte, redet nun Tacheles mit den Russen. Eine Frau, die die
Gesetze der Physik studierte in einem Land, wo zwei mal zwei nicht vier
sein durfte ? ausgerechnet sie bringt den Großkopfeten der Europäischen
Union lebensklug wie eine erfahrene Grundschullehrerin das kleine
Einmaleins der politischen Moral bei und dazu das große Einmaleins einer
moralischen Politik. Ausgerechnet eine Frau aus der größten DDR der Welt
zeigt den Machtmännern, dass unsere Erde tatsächlich immer kleiner wird,
dass unser Planet in Bälde eine globale Dorfregierung braucht und dass
also die verteufelte Globalisierung die einzige Chance für uns ist, als
Menschheit womöglich noch ein paar Jahrtausende auf diesem Erdball
durchs Universum zu rollen.
Warum hassen so viele Europäer dermaßen maßlos die Juden? Warum halten sie das bedrohte Israel, die einzige Demokratie in der arabischen Region, für den gefährlichsten Kriegstreiber in der Welt? Und woher kommt dieser hysterische Hass gegen die USA? Ich wüsste gern, verehrte Angela Merkel, Ihre Meinung.
Eine mögliche Antwort: Die Deutschen haben zwei verbrecherische Kriege vom Zaun gerissen und verloren, also ziehen sie daraus die dummschlaue Lehre: Pfoten weg! Ich kriegsgebranntes Kommunisten- und Judenkind war immer für den Frieden, konnte aber niemals ein Pazifist sein. Also hat es mein Herz gefreut, als ich las, was Sie zu diesem heiklen Thema öffentlich äußern: "Ein Blick zurück in unsere eigene Geschichte mahnt dazu, den Frieden als wertvolles Gut zu erhalten und alles zu tun, um kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. (...) Ein Blick in die gleiche Geschichte mahnt aber auch, dass ein falsch verstandener, radikaler Pazifismus ins Verhängnis führen kann und der Einsatz von Gewalt ? trotz des damit einhergehenden Leides ? in letzter Konsequenz unausweichlich sein kann, um noch größeres Übel zu verhindern.
Warum hassen so viele Europäer dermaßen maßlos die Juden? Warum halten sie das bedrohte Israel, die einzige Demokratie in der arabischen Region, für den gefährlichsten Kriegstreiber in der Welt? Und woher kommt dieser hysterische Hass gegen die USA? Ich wüsste gern, verehrte Angela Merkel, Ihre Meinung.
Eine mögliche Antwort: Die Deutschen haben zwei verbrecherische Kriege vom Zaun gerissen und verloren, also ziehen sie daraus die dummschlaue Lehre: Pfoten weg! Ich kriegsgebranntes Kommunisten- und Judenkind war immer für den Frieden, konnte aber niemals ein Pazifist sein. Also hat es mein Herz gefreut, als ich las, was Sie zu diesem heiklen Thema öffentlich äußern: "Ein Blick zurück in unsere eigene Geschichte mahnt dazu, den Frieden als wertvolles Gut zu erhalten und alles zu tun, um kriegerische Auseinandersetzungen zu vermeiden. (...) Ein Blick in die gleiche Geschichte mahnt aber auch, dass ein falsch verstandener, radikaler Pazifismus ins Verhängnis führen kann und der Einsatz von Gewalt ? trotz des damit einhergehenden Leides ? in letzter Konsequenz unausweichlich sein kann, um noch größeres Übel zu verhindern.
Auch die jüngere europäische Geschichte zeigt, dass Krieg im Umgang mit
Diktatoren zur ?Ultima Ratio' werden kann. (...) Beim Kosovo-Krieg hat
eine 'coalition of the willing' durch den Einsatz von Gewalt noch
größeres Leid (...) verhindert."
Ich vermute, dass alle Europäer, die Russen eingeschlossen, den USA
einfach viel zu viel verdanken. Manchmal kommt es mir so vor, als ob der
Mensch Untaten besser aushält als Wohltaten. Es klingt paradox ? aber
wir alle wollen doch uns dankbar erweisen für unsere Retter. Der Mensch
schämt sich aber und wird aggressiv vor allem dann, wenn er keine Chance
sieht, sich jemals zu revanchieren. Ohne die heldenhafte Hilfe der USA
hätte Hitler in Westeuropa und gegen Stalins Sowjetunion den Weltkrieg
wahrscheinlich gewonnen.
Übermächtige Gründe zur Dankbarkeit machen womöglich auch die Völker
seelenkrank. Und der Judenhass? Er ist so alt, so gediegen. Denken Sie
an den genialen Luther als Todfeind der Juden. Ja, Opfer können wohl
verzeihen. Aber die Juden werden vor allem gehasst wegen der Shoa, weil
die Täter den Opfern niemals verzeihen können, was sie ihnen antaten.
Sie, Frau Merkel, sind in diesem fatalen Zusammenhang etwas günstiger
dran, weil Sie ? "in echt" ? die Gnade der späteren Geburt genießen und
sich auch nicht etwa damit berühmen, dass Sie sich beknirschen.
Ihr verblüffender Aufstieg vom belächelten Ostmädchen des Kanzlers Kohl
zu Schröders Fiasko und nun zu einer weltweit respektierten Frau hat,
vermute ich, seinen Grund auch in Ihrer lehrreichen Erfahrung als
Untertan in einem totalitären Regime, wie es die DDR war.
Wer von klein auf in einer totalitären Diktatur lebte, hasst die
Freiheit, weil er sie fürchtet, oder er liebt sie mit umso größerer
Inbrunst.
Ja, Sie sind ein Ostmensch, aber kamen mir nie wie ein "Ossi" vor. Sie
sind eine Deutsche, die in keine West- oder Ost-Schublade reinpasst. Mit
Verlaub, ich komme mir so ähnlich vor. Unsereins quält die Frage noch
tiefer als einen geborenen Demokraten: Wo sind die Grenzen der Freiheit?
Darf unsere Toleranz immer wieder so weit gehen, dass die Intoleranz
triumphiert? Gelten Freiheitsrechte auch für Freiheitsfeinde?
Gut, das wäre die Freiheitsfrage ? wie aber steht es mit der Judenfrage.
Auch diese Erfahrung haben Sie und ich gemein: Wir lebten in einem
Staat, dessen Politik nach innen wie nach außen ein praktizierter
Antisemitismus war, der allerdings so cool funktionierte wie bei Orwell
im Roman "1984" die Neusprech-Sprache: Offiziell wurde den Bürgern
jeglicher Antisemitismus verboten, aber als Antizionismus umgetauft war
der Judenhass Staatsdoktrin nach innen und außen. Das Ministerium für
Staatssicherheit unter Mielke und Markus Wolf baute dem fanatischen
Todfeind Israels, einem der eifrigsten Endlöser der Judenfrage, Jassir
Arafat, seine diversen untereinander abgeschottet verschachtelten
Geheimdienste auf.
Wer den Nahen Osten kennt, der weiß: Wenn die Araber endlich ihre Waffen niederlegen, wird es dort keinen Krieg mehr geben. Wenn aber Israel die Waffen niederlegt, wird es kein Israel mehr geben.
Viele Europäer neigen dazu, Juden und Araber als Streithähne zu sehen,
als Raufbolde, die man mit der Rute der Vernunft zur Räson bringen muss.
Den Israelis wird raffinierte Hinterlist unterstellt, und den Arabern
eine aufbrausende Unmündigkeit.
Sie, Frau Bundeskanzlerin, brechen mit dieser infamen und infantilen
Äquidistanz. Als ich mir Ihre Statements zu Israel anschaute, fand ich
ein Wort, das mich berührte:
"Wir haben erst spät gelernt ? und ich sage das für mich auch persönlich
? wie unermesslich viel Deutschland durch die Shoa verloren hat und wie
viel Liebe deutscher Juden zu diesem Land unerwidert geblieben ist."
Einer von den Juden, die zu Deutschland eine dermaßen tragisch
unerwiderte Liebe hatten, war der Rabbiner Leo Baeck. Ja, er war das
Musterexemplar eines extrem deutschen Juden. Er liebte Deutschland "über
alles". Und er verkörperte alle deutschen Tugenden, für die die Juden
aus Deutschland in Israel bis heute von den lebensklügeren Ostjuden und
von den lebenslustigen sephardischen Juden bewundert werden und
belächelt und verspottet. So preußisch korrekt, so pflichtbewusst, so
pünktlich, so penibel, dermaßen gutbürgerlich und ordnungsliebend bis
über den Rand der Lebensdummheit waren nur diese Juden aus Deutschland.
Wäre Leo Baeck bei seinem Besuch noch im Jahre 1936 in Palästina
geblieben, dann hätte man ihn dort in Erez Israel als einen dieser
typischen "Jekke"-Juden angesehen. Er kehrte von der kurzen Reise aber
zurück ins faschistische Deutschland, weil er zweitens so extrem deutsch
war, und erstens, weil er sich als Seelsorger und als väterlicher Helfer
in größter Not den Juden im deutschen Vaterland verpflichtet fühlte.
Auch als er 1939 die Gelegenheit hatte, zu Verhandlungen nach London zu
reisen, brachte er sich dort nicht in Sicherheit, sondern kehrte zu
seinen Leidensgenossen in die Mördergrube Deutschland zurück. Er
organisierte die Rettung von jüdischen Kindern ins Ausland, verhandelte
mit der Gestapo, besorgte Pässe, Genehmigungen, soziale Hilfe und Geld.
So kam es, dass Leo Baeck 1943 als Nummer 187894 deportiert wurde ins KZ
Theresienstadt, ein sogenanntes Sonder-
oder auch Vorzugs-KZ in der Nähe von Prag, wo die Juden massenhaft
starben an Hunger und Krankheiten und von wo die Menschen zur Vergasung
nach Auschwitz in Güterzüge gepfercht wurden. Ein Wunder: Im KZ
Theresienstadt gehörte der Greis Leo Baeck am Tag der Befreiung zu den
Überlebenden. Und ich glaube, er überlebte nur, weil er den Todgeweihten
dort mit stoischer Disziplin und treudeutscher Innigkeit die Werke von
Goethe und Immanuel Kant und Gottes Thora predigte.
Ja, dieser Leo Baeck war der Typ eines national gesinnten Patrioten. Von meinem Freund, dem Historiker des jüdischen Widerstandes in der Nazizeit, von Professor Arno Lustiger in Frankfurt am Main, weiß ich, dass Leo Baeck freiwillig in den Ersten Weltkrieg zog. Als Frontrabbiner ritt er furchtlos bis zu den vordersten Schützengräben und betreute seelsorgerisch das jüdische Kanonenfutter: deutsche Soldaten, die dort für Kaiser und Vaterland in den sinnlosen Tod gingen. Es wird vom Namenspatron des Preises, der Ihnen heute übergeben wird, berichtet, dass er in letzter Minute vor seinem Abtransport ins KZ, als auch er 1943 die Schlüssel seiner Wohnung und eine vollständige Liste mit dem Inventar an Büchern, Möbeln, Geschirr, Wertsachen und Sparbücher und Bargeld hatte abgeben müssen, noch schnell vorher seine letzte Gasrechnung bezahlt hat.
Ja, dieser Leo Baeck war der Typ eines national gesinnten Patrioten. Von meinem Freund, dem Historiker des jüdischen Widerstandes in der Nazizeit, von Professor Arno Lustiger in Frankfurt am Main, weiß ich, dass Leo Baeck freiwillig in den Ersten Weltkrieg zog. Als Frontrabbiner ritt er furchtlos bis zu den vordersten Schützengräben und betreute seelsorgerisch das jüdische Kanonenfutter: deutsche Soldaten, die dort für Kaiser und Vaterland in den sinnlosen Tod gingen. Es wird vom Namenspatron des Preises, der Ihnen heute übergeben wird, berichtet, dass er in letzter Minute vor seinem Abtransport ins KZ, als auch er 1943 die Schlüssel seiner Wohnung und eine vollständige Liste mit dem Inventar an Büchern, Möbeln, Geschirr, Wertsachen und Sparbücher und Bargeld hatte abgeben müssen, noch schnell vorher seine letzte Gasrechnung bezahlt hat.
Es gab vor einiger Zeit Streit um eine Studie, an der Leo Baeck
gearbeitet hat, eine Auftragsarbeit der Gestapo des
Reichssicherheitshauptamtes. Er arbeitete von 1938 bis 1941 an dieser
Schrift: "Die Entwicklung der Rechtsstellung der deutschen Juden in
Europa, vornehmlich Deutschland." Nach dem Ende des Krieges hatte Leo
Baeck gelogen, dies sei eine wissenschaftliche Arbeit gewesen, die er im
Auftrage rechtskonservativer Nazigegner (also im Auftrage des in
Plötzensee hingerichteten deutschnationalen Widerständlers Friedrich
Goerdeler) verfasst habe.
Hannah Arendt schimpfte ihn "the Führer of the german jews". Dass Hannah
Arendt den Rabbiner Beck im englischen Text als "Führer" schmähte, zeigt
den Grad der Erbitterung in dem Streit um die herzzerreißende Frage:
Waren solche Leute wie etwa auch der Vorsitzende des Judenrates im
Warschauer Getto, der Ingenieur Adam Tschernjakow, Kollaborateure der
Nazis oder nicht?
Soweit die Forschung inzwischen weiß ? und soweit ich es beurteilen kann
?, war der Rabbiner Leo Baeck ganz und gar kein jüdischer Hund Hitlers.
Im Gegenteil, er war ein Deutscher, der sein Land und seine Kultur
liebte und der also doppelt, nämlich als verfolgter Jude und als
deutscher Patriot, die Nazis hasste und verachtete und der jede Form des
Widerstandes wagte, die ihm möglich war.
Verehrte Angela Merkel, ich kann Sie ohne Falsch so nennen, denn es ehrt
Sie, dass Sie sich so behutsam und beharrlich einmischen in dem Konflikt
der beiden Söhne des Stammvaters Abraham: Ismael und Isaak. Diese
Halbbrüder gelten als die Urväter der arabischen Völker und des Volkes
der Juden. Seit Jahrtausenden liegen sie im Familienstreit. Und dieser
Bruderkrieg wird länger dauern, als wir dauern.
Es ist unsere mühselige und notwendige und zuverlässig undankbare
Aufgabe, den Juden und den Arabern zu helfen. Wir können mildern, wir
sollen vermitteln, aber nicht als Quacksalber der Weltgeschichte
Wunderkuren verordnen. Bei Gelegenheit will ich Ihnen ein neues Lied
vorsingen über genau diesen heillosen Familienkrieg im Nahen Osten, da
heißt es am Schluss:
Roter Mond über Banyuls sur Mer...
? wir alle sind ja reingezogen
in den Krieg
Der beiden Söhne aus dem
Samen Abrahams
Couplet
Das sind Tragödien der andern Art
Da hilft kein gut gemeinter Rat
Da hilft kein Treueschwur
Kein frommer Fluch
Kein kluggeschissnes
Friedens-Buch
Da hilft kein Aufschrei in der Welt
Kein feige abgedrücktes Geld
(Schon gaanich Biermann
seine Gedichte)
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Ergänzend dazu die Vorlesung an der Universität Haifa "Deutschland verrät Israel", veröffentlicht in der ZEIT
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