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Donnerstag, Mai 28, 2009

» Deutschland und die Wandlitz-Bande

By Dialog at 11:42 AM

Die Wahrheit über Kurras geht über den staatlich geprüften Waffennarren weit hinaus. Es ist nicht nur eine unbequeme Wahrheit über 68, und damit über die Bundesrepublik, in der ein Kurras immerhin Polizist sein konnte - es ist auch eine Wahrheit über die DDR. Vor allem über die DDR. Eine vernichtende.

Mit der Affäre zeigt sich ein weiteres Mal, dass der Aufarbeitung der Geschichte der zweiten Diktatur in Deutschland, trotz allem zur Verfügung stehenden Material, der notwendige, auf gesellschaftlichem Konsens beruhende Antrieb fehlt, um diese zu einer erfolgreichen Systematik führen zu können. Das, muss man sagen, liegt weniger an den Forschern als in der dekadenten Wahrnehmung ihrer Forschungsergebnisse durch unsere vom Infotainment beherrschte Öffentlichkeit.

Der unbefriedigende Zustand der Debatte hat nicht zuletzt mit dem geringen Interesse der Westdeutschen an der Thematik zu tun. Die meisten von ihnen verhalten sich so, als gehe sie das Ganze nichts an, als handele es sich um eine umfangreichere Peinlichkeit der Ostdeutschen, die man am besten mit Diskretion begleitet.

Der taube Gipfel dieses Verhaltens wurde schon früh in den Neunzigern erreicht, mit der frappierenden Äußerung eines historisch nicht ganz unbewanderten Kanzlers, er wisse nicht, wie er sich in einer solchen Situation verhalten hätte. Der Skandal dieses Satzes besteht in der mit ihm ausgesprochenen Annahme, man habe eher zum Täter werden können, als die Tat zu verweigern oder sich ihr zumindest zu entziehen. Dieser Gedanke hat nicht zuletzt auch die Justiz bescheiden reagieren lassen. Mielke, der Pate der staatlich organisierten Kriminalität, wurde nicht für seine Untaten in der DDR verurteilt, sondern für den Polizistenmord in seiner Jugend.

Zwanzig Jahre nach dem Ende der Willkürherrschaft der Wandlitzbande sind uns zahllose Fakten über den DDR-Staat bekannt, in der Öffentlichkeit aber herrscht weiterhin ein großes Zögern angesichts der längst fälligen schlussfolgernden Zusammenfassung der Faktenlage. Warum eigentlich? Fehlt uns ein Fritz Bauer?

Während die literarischen Antworten auf das Dritte Reich nur moralisch sein konnten, von Böll bis Lenz, von Enzensberger bis Grass, so steht die große Erzählung über die DDR bisher, mit wenigen Ausnahmen, im Zeichen der Weichspülung. Die einschlägigen Autoren, Brussig, Schulze und Tellkamp, haben ihren Lesern kaum etwas vorzuwerfen, sie kommen ja auch nicht von einer literarischen Front sondern vom kalten Büffet des Lektorats. Was seinerzeit noch bitterböse Persilschein genannt wurde, heißt diesmal infotainmentgerecht Ostalgie. Die Wahrheit ist: Über die DDR wurde zu ihren Lebzeiten in den westdeutschen Verlagen Schärferes publiziert als heute. Erinnert sei bloß an die Bücher von Fuchs, Johnson, Kunze, Schädlich und Schacht.

Leben wir im Zeitalter der falschen Harmonie? Unsere demokratiepflichtigen Politiker reden, wahltherapeutisch ausgebremst, von ostdeutschen Biographien, die zu respektieren seien, als ob es andernfalls darum ginge, das Ethos der von einem Polizeistaat festgesetzten Menschen in Frage zu stellen. Darum geht es eben nicht!

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